Projekt des Monats Juli 2005
Perspektiven wechseln – Gemeinsamkeiten entdecken und voneinander lernen
Im deutsch-tschechisch Grenzgebiet leben die Menschen seit Jahrhunderten in wechselhafter Beziehung miteinander. Die gemeinsame Geschichte der Trennung und Verbindung sowie bestehende Vorurteile auf beiden Seiten haben die tschechische Schule Základní škola Aš und die oberfränkische Volksschule Erkersreuth zu ihrem eTwinning-Projekt inspiriert: Im Mittelpunkt steht die gemeinschaftliche Erforschung der Geschichte und Gegenwart des deutsch-tschechischen Grenzgebietes Asch-Selb. Gemeinsame Ausflüge und der Austausch mit Hilfe der elektronischen Medien sorgen für eine Annäherung.
Die räumliche Nähe in den Grenzgebieten Europas lässt vermuten, dass hier das Verständnis füreinander besonders ausgeprägt sei. Dem ist jedoch nicht immer so. Beispielsweise sind Ängste wie ‚Die Tschechen nehmen uns Arbeit weg’ in der Region verbreitet, und auch das Vorurteil ‚Da wohnen doch bloß die Zigeuner’ bleibt leider immer noch an manchen Stammtischen unwidersprochen. Denn es herrscht hohe Arbeitslosigkeit und gerade wirtschaftliche Probleme lassen schnell Vorurteile aufkommen. „In unserem eTwinning-Projekt geht es uns darum, den Schülerinnen und Schülern klar zu machen, dass Grenzen immer relativ sind. Denn das Zusammenleben und ‚das über die Grenzen gehen’ war schon früher immer ein selbstverständlicher Weg“, so Manfred Schilm, Lehrer und Verantwortlicher des eTwinning-Projektes an der Volksschule Erkersreuth.
Real und virtuell über die Grenze gehen
Manfred Schilm und sein tschechischer Kollege Milan Satra, Lehrer an der Základní škola Aš – auf Deutsch „Steinschule Asch“ - sind beide in der Grenzregion aufgewachsen. Sie kennen die bewegte Geschichte der Region und die vielen geschichtlichen und kulturellen Gemeinsamkeiten, die ihren Schülerinnen und Schülern noch verborgen sind. Als sie von eTwinning hörten, kam ihnen der Gedanke, den Austausch zwischen ihren Schulen wieder zu beleben und zu intensivieren. Zudem gehört in Bayern „Völkerverständigung“ zum Curriculum. Und wie können Schülerinnen und Schüler hautnaher Völkerverständigung praktizieren, als real und virtuell über die Grenzen zu gehen? So haben sich inzwischen 42 deutsche und tschechische Schülerinnen und Schüler im Alter von 12 bis 14 Jahren gefunden und verständigen sich in Englisch.
Von der gemeinsamen Planung und Arbeit in Teams…
Im letzten Februar haben Manfred Schilm und Milan Satra per E-Mail und Telefon Kontakt aufgenommen, um über die Ziele und ersten Ideen zur Umsetzung ihrer eTwinning-Partnerschaft zu sprechen. Bis zum ersten realen Kennenlernen haben sich die tschechischen und deutschen Schülerinnen und Schüler per E-Mail und Websites ausgetauscht und sich gegenseitig vorgestellt.

Am 9. Mai war es dann soweit: Das erste persönliche eTwinning-Treffen. Nach einer Vorstellungsrunde und gemeinsamen Projektplanung ging es per Rad gemeinsam auf zur Erkundungstour durch die Grenzregion Asch-Selb.
Um den Austausch untereinander zu fördern, wurden einzelne Arbeitsgruppen gebildet, die jeweils einen Themenabschnitt ausarbeiten werden. „Wir haben von Anfang an darauf geachtet, dass die Arbeits- und Radfahrgruppen gemischt sind. Das war sehr hilfreich, denn der ein oder andere hatte doch ein wenig Hemmungen, sich mit mangelnden englischen Sprachkenntnissen zu blamieren“, erklärt Schilm. „Durch die Zusammenarbeit in bunt gemischten Gruppen bei Pannen und beim Grillen lösten sich diese Startschwierigkeiten schnell in Luft auf.“
… bis zur gemeinsamen Webseite
Nach der Radtour geht die Recherche weiter: Dazu befragen Schülerinnen und Schüler beider Schulen Zeitzeugen, sichten aktuelles und altes Material zu ihren Städten wie Filme, Chroniken, Zeitungstexte und Heimatbücher. Alle Informationen halten sie elektronisch in Form von Artikeln und Präsentationen fest und tauschen diese mit ihren Partnern aus. Ziel ist es, eine gemeinsame Zeitung und Website in Tschechisch und Deutsch zu erstellen. „So lassen sich Gemeinsamkeiten und Unterschiede entdecken, dokumentieren und verbreiten“, meint Schilm. „Wie könnten wir besser unsere Schülerinnen und Schüler dazu bewegen, ihre Perspektiven zu wechseln?“
Um das Projekt weiter in den Unterricht zu integrieren, sollen die Spuren der gemeinsamen Geschichte bis hin zur Gegenwart verfolgt werden. Dazu gehören Themen wie die Grenzen und die Flucht nach 1945, Musik und Kunst oder Aktuelles wie z. B. der Alltag der Jugendlichen. Und auch für „Nachwuchspotenzial“ ist bereits gesorgt: Für die Grundschüler sind gemeinsame Schulfeste, Besuche und Wanderungen im Grenzgebiet geplant. Sie sind diejenigen, die in Zukunft die gemeinsame Website weiter pflegen und ausbauen werden.
Kommunikation ist wichtig!
Das besondere in der Volksschule Erkersreuth: Alle sind bestens über das eTwinning-Projekt informiert. Denn auch andere Lehrerinnen und Lehrer sollen einsteigen können. Zu diesem Miteinander trägt die Schulleitung entscheidend bei, die das Projekt begrüßt und durch eine offene Kommunikation auch außerhalb der Schule fördert. So sind tschechische und deutsche Eltern bei den Radtouren mit dabei, um die Gruppen möglichst klein zu halten und der Elternbeirat klärt Fragen beim Grenzübertritt. Kein Wunder, dass die regionale Presse bereits auf das deutsch-tschechische eTwinning Projekt aufmerksam geworden ist.
Manfred Schilm und Milan Satra sind sich einig: „Europa muss von beiden Städten als Chance genutzt werden. Wir als Lehrer sind die Mittler, um dies unseren Schülerinnen und Schülern bewusst zu machen und ihnen Möglichkeiten vor Augen zu führen. Der lebendige Austausch durch gemeinsame Aktivitäten und den Einsatz von Kommunikationsmedien ist dabei ganz entscheidend.“




