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Projekt des Monats November 2008

Angehende Bankkaufleute blicken über den Tellerrand

 

Ein eTwinning-Projekt ermöglicht Berufsschülern aus Deutschland und den Niederlanden das persönliche Kennenlernen und einen Einblick in den Bankalltag jenseits der Grenze.

 

 


Schülerinnen und Schüler einer Bankenklasse der Berufsbildenden Schule (BBS) Papenburg und der ROC Friese Poort im niederländischen Leeuwarden arbeiten nicht erst seit der weltweiten Finanzkrise zusammen. Im Projekt  "Banking systems of Germany and the Netherlands" nutzen sie eTwinning und ihre Nachbarschaft, um mehr über Ausbildung und Wirtschaft im Nachbarland zu erfahren. Die eTwinning-Redaktion sprach mit Jens Müsing, Deutsch- und Informatiklehrer an der BBS Papenburg. Gemeinsam mit drei Kollegen setzt er das Projekt in den Fächern Deutsch, Englisch und Informatik um.


 

eTwinning: Herr Müsing, Sie beschäftigen sich mit einem aktuellen Thema. Ist es für Ihre Begrüßung der niederländischen GästeSchüler angesichts der Finanzkrise besonders wichtig, sich mit den Bankensystemen anderer europäischer Länder auseinander zu setzen?

 

Müsing: Gerade die letzten Wochen haben deutlich gezeigt, dass wir zwar in den einzelnen Ländern unterschiedliche Bankensysteme haben mögen, die Verbindungen zwischen den einzelnen Systemen durch die globalen Finanzmärkte jedoch mittlerweile so groß sind, dass der Blick über die Grenzen in andere Länder dringend erforderlich ist. 

 

eTwinning: Warum interessieren sich Ihre Schüler ausgerechnet für das niederländische Bankensystem?

 

Müsing: Schon aufgrund unserer geographischen Lage liegt es nahe, uns mit unseren direkten Nachbarn auseinander zu setzen. Ein Verständnis nicht nur für unsere Bankensysteme, sondern auch für die kulturellen Hintergründe ist hilfreich, um aufeinander einzugehen und es erleichtert die Kommunikation. Schließlich leben wir in einem offenen Europa. Zusammenarbeit über Grenzen hinweg gehört im Berufsleben bereits zum Alltag. Als Schule versuchen wir natürlich dieser Entwicklung Rechnung zu tragen. Ein Weg dahin sind unsere eTwinning- und Comenius-Projekte. Große Unterstützung erfahren wir dabei von Margret Bunte, die als erfahrene eTwinnerin und eTwinning-Moderatorin für Niedersachsen an unserer Schule Ansprechpartnerin ist. Sie hat für alle Kollegen zu Beginn des Projekts eine eTwinning-Fortbildung durchgeführt.

 

eTwinning: Denken Sie dabei auch daran, dass Ihre Schüler einmal in den Niederlanden oder einem anderen europäischen Land arbeiten werden?

 

Müsing: Das ist durchaus möglich. Viele junge Leute aus unserer Region studieren an der Hanze University in Groningen, mit der unsere Schule vor einiger Zeit einen Kooperationsvertrag über eine verstärkte Zusammenarbeit geschlossen hat. Jeden Tag pendeln Niederländer und Deutsche zwischen Wohnung und Arbeitsplatz in die Niederlande und umgekehrt. Viele Niederländer wohnen hier in der deutschen Grenzregion, weil Wohnraum in Deutschland günstiger ist und sind Kunden deutscher Banken. Die interkulturelle Begegnung findet jeden Tag statt und ist für uns Normalität. Ich denke, dass jeder bewusste Schritt im interkulturellen Lernen und Austausch dazu beiträgt, Berührungsängste abzubauen. Um so selbstverständlicher reift dann die Idee, sich in den Niederlanden bei einer Bank um einen Job zu bewerben.

 

eTwinning: Also ist das auch im Interesse der Banken?

 

Müsing: Genau. Die lokalen Banken, bei denen unsere Schüler lernen, wünschen sich diese Zusammenarbeit mit den Niederlanden. Wir haben regelmäßig Sitzungen mit den Ausbildungsbeauftragten der Banken und hier teilen sie uns ihre Wünsche mit. Wir wiederum machen Vorschläge, wie wir entsprechende Fähigkeiten und Kompetenzen bei den Schülern entwickeln wollen und wie wir gerade auch die Nähe zu den Niederlanden integrieren können.

 

eTwinning: Wie überwinden Sie die sprachlichen Hürden? Die Niederländer verstehen und sprechen häufig Deutsch. Umgekehrt ist das nicht so, oder?

 

Müsing: Das ist richtig. Deshalb fördern wir in unserem Projekt das Fremdsprachenlernen. Mein Kollege Anno Immenga ist unsere Kontaktperson in die Niederlande; er spricht perfekt Niederländisch. Er hat mit unseren Schülern einen eintägigen Niederländischsprachkurs durchgeführt, um Lust und Interesse an der Sprache zu wecken. Ansonsten unterhalten sich die Schüler und Lehrer auf Englisch. Dabei unterstützt uns meine Englischkollegin Alke von Seggern.

 

eTwinning: Beschreiben Sie uns doch bitte kurz, wie die praktische Umsetzung im Unterricht aussieht.

 

Müsing: Der Unterricht sieht so aus, dass die deutschen und niederländischen Schüler parallel dieselben Themen behandeln. In jedem Land werden vier Teams gebildet, die aus niederländischer bzw. deutscher Perspektive einen Teilaspekt des jeweils anderen Ausbildungs- und Bankensystems darstellen. Wie bereits gesagt, setzen wir das Projekt mit mehreren Lehrkräften um. Zusätzlich zu meinen Sprachenkollegen unterstützt uns mein Informatikkollege Lars Strohschnieder. So können die Auszubildenden im Fach Deutsch recherchieren, in Informatik erstellen sie Präsentationen und in Englisch übersetzen sie die Texte. Die fertigen Präsentationen laden wir im TwinSpace hoch. Fragen an die Partnerschüler stellen sie per E-Mail oder im Chat.

 

eTwinning: Worin sehen Sie die größten Vorteile von eTwinning?

 

Müsing: Das Lernen ist einfach lebendiger und die Schüler können ihr Wissen und ihre Fähigkeiten unmittelbar in einer realen Praxissituation erproben. Sie verstehen, was ihnen das Lernen für ihren beruflichen Alltag bringt. Und sie bekommen dabei natürlich auch viel von den Jugendlichen selbst und ihrer Art zu leben mit.

 

eTwinning: Was war Ihr bisher schönstes Erlebnis bei Ihrer Projektarbeit?

 

Müsing: Das war unser gemeinsamer Kennenlerntag in Papenburg. Wir haben unsere niederländischen Kollegen Henk Hoekstra, Wytze Timmermans und Wiesje Bruining zusammen mit ihren 20 Schülern zu uns eingeladen. Für diesem Tag hatten wir ein „Stationenlernspiel“ vorbereitet. An verschiedenen Stationen mussten die Jugendlichen nicht nur ihre fachlichen Präsentationen zum Projektthema vorstellen, sondern auch bei verschiedenen Geschicklichkeits- und Ratespielen punkten. Zum Beispiel mussten sie bei „Explain the Picture“ ein Bild so erklären, das der Partner es malen konnte. Dabei kamen die deutsche, niederländische und englische Sprache zum Einsatz. Die Schüler haben sich dazu selbst ihre Partner gesucht, sich gegenseitig ihre Ergebnisse präsentiert und Fragen geklärt. Durch unsere vorherige virtuelle Zusammenarbeit war die Kontaktaufnahme untereinander einfach. Diese Art zu lernen und auszuprobieren war für die Schüler sehr anregend. Und sie hatten Spaß dabei.

 

eTwinning: Was ist für Ihre Schülerinnen und Schüler der größte Lerneffekt?

 

Müsing: Die interkulturelle Zusammenarbeit und das freie Arbeiten stärken ihre Selbstständigkeit und ihr Selbstvertrauen. Sie lernen, insgesamt freier auf andere zuzugehen und unbefangen mit Menschen ins Gespräch zu kommen. Etwas, das ganz wesentlich für den Beruf der Bankkaufleute ist.

 

eTwinning: Haben Sie einen Traum bezogen auf die Berufsbildung in Europa?

 

Müsing: Ausbildungen auch im europäischen Ausland zu absolvieren. Ich hoffe, dass dies irgendwann einmal Realität und Normalität wird. So selbstverständlich, wie wir heute schon über die niederländische Grenze fahren. Gerade in Grenzregionen profitieren wir ja nur davon, wenn es eine grenzüberschreitende Zusammenarbeit gibt. Das ist in jedem Fall eine wirtschaftliche und kulturelle Bereicherung. Und wir können immer etwas von anderen lernen. Alle haben gute Ideen.

 

eTwinning: Welches Thema behandeln Sie als Nächstes?

 

Müsing: Im Frühjahr nächsten Jahres steht das Thema Kreditvergabe an. Dieses Thema ist natürlich besonders sensibel im Hinblick auf die aktuelle Finanzkrise und wird den Schülern die Unterschiede in unseren Ländern und den verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen anderer deutlich vor Augen führen.

 

Autorin: Bettina Zeidler

 

Mehr dazu:

Schülermeinungen zum Projekt

Berufsbildende Schulen Papenburg

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