Das "Intercent" - ein Begegnungszentrum in Marl
Von Anastasia Frank, Marl
Freitag, 17 Uhr am internationalem Bildungs- und Begegnungszentrum in Marl. Zwischen einer vielbesuchten Tankstelle und einigen Mehrfamilienhäusern entlang einer Hauptstraße ist es leicht zu übersehen. Auf den ersten Blick – ein typisches Mehrfamilienhaus. Nur ein kleines weißes Schild mit drei hellblauen Hand in Hand stehenden Männchen an der Hauswand versucht die Aufmerksamkeit der vielen Vorbeigehenden und Vorbeifahrenden auf sich zu lenken. „Intercent“ lautet seine Überschrift. Was nur wenige wissen: in diesem Wohnhaus finden täglich interkulturelle Treffen statt.
Sport- und Freizeitangebote in der Integrationsarbeit
„Wo bleibt Frau Kulakov?“, fragen sich einige Eltern nervös, die sich mit ihren Kindern bereits vor dem Gebäude versammelt haben. Als sich in dem Moment eine Dame mittleren Alters dem Gebäude nähert, sind alle erleichtert. Sobald sie die Tür entriegelt hat, stürmen die Kleinsten voller Freude sofort rein. Die Eltern folgen Maria Kulakov über einen engen Flur in ein Zimmer mit einem großen Tisch. Auf ihre Anweisung werden Kartons mit Papier, Buntstiften und Wasserfarbkästen rausgekramt. Für die Kinder heißt es: Es ist Zeit zum Malen! Für Maria Kulakov heißt es: Es ist Zeit für internationale Zusammenarbeit und Integration.
Früher war Maria Kulakov als Mathematiklehrerin und Organisatorin an einer Mittelschule in Kasachstan tätig, heute beschäftigt sie sich im „Intercent“ gemeinsam mit drei weiteren Leitern mit Migranten und deren hier geborenen Kindern. Zwei bis drei Mal in der Woche bietet sie den verschiedenen Kulturen wie den Azerbaijanern, den Russland-Deutschen, den Türken und anderen Nationalitäten unterschiedliche Freizeit- und Sportaktivitäten an. Von Ausgehen und Ausflügen, Sportarten wie Volleyball, Förderung des logischen Denkens mittels Gesellschaftsspielen bis zur Entwicklung von Kreativität durch Malen und Gestalten ist alles für jeden jedes Alters dabei.
Vielfältiger kultureller Austausch
„Im Intercent treffen sich die Menschen in erster Linie, um sich mal von einer anderen Seite kennen zu lernen und zusätzlich weitere Kontakte zu knüpfen. Wir lösen gemeinsam Konflikte und Probleme und streben ein harmonisches Zusammenleben an. Die Gemeinschaft verschmilzt und dies fördert die internationale Zusammenarbeit und Integration“, erklärt Maria Kulakov und erzählt weiterhin, „Wenn Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Intercent zusammenkommen, dann integrieren sie sich in eine multikulturelle Gemeinschaft. Um sich der deutschen Gesellschaft zu nähern, spielen wir zum Beispiel deutsche Gesellschaftsspiele, lesen Bücher oder kochen gemeinsam nach deutschen Rezepten. Aber auch um unsere eigene Traditionen nicht zu vergessen, stellen wir sie uns gegenseitig zum Beispiel anhand von Kochkünsten vor. Die Menschen kommen sich auf diese Weise entgegen und respektieren sich gegenseitig.“
Dies lässt sich auch beim heutigen Zusammentreffen unter den verschiedenen Kulturen deutlich am freundschaftlichen Umgang feststellen. Beim Begrüßen ein „Privet!“ von der türkischen Seite und ein „Merhaba!“ von der russischen Seite. Später sitzen die Kinder versammelt in einem Zimmer. Es wird zusammen gemalt und gezeichnet. Heutiges Thema: das Unterwasserleben. Volle Konzentration. Auf den Blättern sind schon nach einigen Minuten kleine und große Fische entstanden. Währenddessen ziehen sich die Jugendlichen und Erwachsenen in das Zimmer ausgestattet mit Kicker- und Billardtisch und einem Fernseher zurück. Die Jugendlichen verfolgen am Fernsehgerät ein Fußballspiel, wohingegen sich die Erwachsenen lieber mit einem Billiardspiel beschäftigen. Es herrscht eine angenehme lockere Atmosphäre im „Intercent“.
Wie alles begann
Tatsächlich steht „Intercent“ für das internationale Bildungs- und Begegnungszentrum in Marl.
Vor 28 Jahren wurde Intercent in Form eines Vereins ins Leben gerufen. Damals lockten einige große Industriebetriebe viele Fremde aus dem Ausland nach Marl. Diese zogen sich jedoch meistens aufgrund mangelnder Sprach- und Kulturkenntnisse in ihre eigenen Kreise zurück, sodass sie sich nach und nach von der deutschen Außenwelt isolierten. Aber mit dem Intercent sollte sich das alles ändern. Die Migranten sollten die Möglichkeit bekommen, sich in die Gesellschaft wieder integrieren zu können, in dem sie sich im Intercent treffen und ihre Freizeit gemeinsam verbringen.
Das Konzept geht auf
So ergriff auch die dreifache Mutter, Svetlana, ihre Chance vor zwei Jahren. Nun besucht sie regelmäßig das Intercent mit ihren drei Söhnen. „ Ich bin froh, dass sich meine Söhne nicht nur vormittags in der Schule sondern auch nachmittags hier im Intercent unter Kindern anderer Kulturen entwickeln können.“ Svetlana lächelt zu Maria Kulakov zufrieden hinüber. Auch den Kindern scheint es im Intercent zu gefallen. Aylin findet die abwechslungsreichen Angebote „super gut“. “Das Malen macht mir besonders Spaß“, antwortet sie. „Was mir Spaß macht? Hm... Spielen am Kicker- und der Billiardtisch, Basteln und Malen, aber auch die Ausflüge in Freizeitparks und Zoos in den Sommerferien“, zählt der achtjährige Valerij hingegen dazwischen begeistert auf. Es läuft also alles nach dem Motto: Intercent macht Kinder froh und Erwachsene ebenso. Vor allem aber macht es Maria Kulakov froh, dass sich so viele Migranten und deren zweite Generationen - ob groß oder klein - an der internationalen Zusammenarbeit sowie an der Integration beteiligen.
„Unsere Bilder sind fertig“, kommen Valerij, Daniel und Aylin mit ihren Unterwasserbildern auf Maria Kulakov zugerannt. Letzten Endes gibt es nicht nur Lob von Maria Kulakov, sondern auch noch ein paar letzte gemeinsame Fotos für die Reportage. Zum Schluss bittet Maria Kulakov die Erwachsenen und die Kinder zusammen aufzuräumen und freut sich insgeheim natürlich für sie, dass sie den Weg zurück in eine Gemeinschaft gefunden haben, in der sie sich integriert und wohl fühlen können.
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Fotonachweis: Anastasia Frank



